Im Sportunterricht an der be-med in Bern haben unsere Lernenden mit viel Engagement getanzt und Partnerakrobatik ausprobiert. Dabei standen Bewegung, Teamarbeit und vor allem der Spass im Vordergrund.

Erika Kaufmann geniesst kurz nach ihrer Pension den bunten Herbst. Bild: Julian Zahnd
Erika Kaufmann geniesst kurz nach ihrer Pension den bunten Herbst. Bild: Julian Zahnd

Ein halbes Jahrhundert lang vermittelte Erika Kaufmann medizinisches Fachwissen im Schulzimmer - ein paar Jahre davon auch an der be-med. Kurz nach ihrer letzten Lektion an der Noss Spiez verrät sie das Rezept ihres Lebenselixiers, erinnert sich an Tiervermittlungen im Klassenzimmer sowie an gekochten Urin. Und sie gibt Berufseinsteiger:innen etwas mit auf den Weg.

Beim ersten Brief klappte es noch nicht: Erika Kaufmann, damals als medizinische Laborantin am Spital Oberdiessbach tätig, erhielt von der Privatschule Noss in Spiez das Angebot, medizinische Fächer zu unterrichten. «Da ich keine Betreuungslösung für meinen Sohn fand, musste ich passen.» Doch die Schule liess nicht locker, wenig später folgte der nächste Brief. Und diesmal klappte es, Erika Kaufmann stieg in den Lehrberuf ein. Das war vor 51 Jahren.


«Intellekt ist keine Frage des Portemonnaies!»
Bund und Kantone überliessen die Ausbildung des medizinischen Assistenzpersonals damals noch dem freien Markt, also Privatschulen wie der Noss. Die Folge: Es kamen häufig nur junge Frauen aus gut situierten Familien oder solche, die durch ein Stipendium unterstützt wurden. Erika Kaufmann empfand das stets als stossend: «Intellekt ist keine Frage des Portemonnaies!»

Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen war allerdings da. Kaufmann unterrichtete zu Beginn Labor an einer Klasse mit über 30 angehenden Arztgehilfinnen – heute nennt man sie MPA. Alle waren mindestens 18-jährig, denn vorher durfte niemand mit der Ausbildung beginnen. Erst über 20 Jahre später wurde das Ausbildungssystem «kantonalisiert» und die Lehre damit einer breiteren Gruppe zugänglich gemacht. Aus dem Prozess dieser Umstrukturierung entstanden die beiden Standorte Bern und Spiez – an Letzterem übernahm Erika Kaufmann 1996 für ein paar Jahre die Schulleitung. 2010 entstand dann die be-med, an der Erika Kaufmann noch ein paar Jahre lang unterrichtete.
 

Skepsis gegenüber «blindem Technikglauben»

Natürlich gingen die letzten Jahrzehnte auch an den medizinischen Assistenzberufen nicht spurlos vorbei. Da die damaligen Tierarztgehilfinnen (heute TPA) zunächst noch keine eigene Ausbildung hatten, teilten sie in der Anfangsphase das Klassenzimmer mit den Arztgehilfinnen. «Hin und wieder vermittelten diese Frauen Hunde, Katzen und andere Haustiere aus ihrem privaten Umfeld. Es entstanden dann regelrechte Tauschbasare, an denen auch ich manchmal teilnahm», so Kaufmann.

Auch inhaltlich änderte sich einiges: «Früher arbeitete man oft manuell. Wir kochten beispielsweise Urin, um bestimmte chemische Prozesse in Gang zu setzen und um die veränderten Farben der Flüssigkeit zu interpretieren. Heute werden viele dieser Aufgaben von Maschinen übernommen.» An der fortschreitenden Technologie stört sich Erika Kaufmann nicht, sie geht mit der Zeit. Was sie aber kritisiert, ist ein gewisser «blinder Technikglaube». Auch wenn die Maschinen ihre Arbeit in der Regel zuverlässig erledigen würden, brauche es einen kritischen Verstand, um die Resultate stets zu hinterfragen. «Wenn Lernende Ergebnisse akzeptieren, die mathematisch völlig unlogisch sind, gibt mir das schon zu denken.»
 

Erika Kaufmanns Zukunft? Entspannt, aber keinesfalls langsam.  Bild: Julian Zahnd
Erika Kaufmanns Zukunft? Entspannt, aber keinesfalls langsam. Bild: Julian Zahnd


Nach der ordentlichen Pension hatte sie noch nicht genug

Sie selbst hat diese Denkfähigkeit stets beibehalten, bis heute hat ihr Verstand kaum an Schärfe verloren. Vermutlich ist das einer der tragenden Gründe, weshalb Erika Kaufmann auch nach der ordentlichen Pension an der be-med vor 15 Jahren dem Klassenzimmer treu geblieben ist: Bis vor Kurzem noch betätigte sie sich an der Noss im Bereich Erwachsenenbildung, unterrichtete je zwei Lektionen Krankheitslehre und Anatomie. «Auch ganz am Schluss habe ich noch gepräppt. Das hielt mich jung», verrät Kaufmann nicht ohne Stolz. Ansonsten stecke hinter ihrer Vitalität kein Geheimnis - ausser vielleicht, stets in Bewegung zu bleiben.

Davon hat Erika Kaufmann offensichtlich genug: Bereits während des Gesprächs an ihrem Esstisch meldet sich ihre Hündin Mounty mehrmals und kündigt ihren Energiestau an. Bald wird der alltägliche Spaziergang folgen. Obwohl ihr der «Onkel Doktor» auch geistig eine gute Verfassung attestierte, habe sie im Zuge ihres runden Geburtstags aber entschieden: «Mit 80 ist dann auch mal gut.» Inzwischen ist sie definitiv pensioniert.

Und was gibt sie Berufseinsteiger:innen mit auf den Weg? Erika Kaufmann ist kein Mensch der unüberlegten Worte und nimmt sich für die Antwort deshalb viel Zeit, bevor sie sagt: «Sie sind die erste Anlaufstelle für die Patientinnen und Patienten. Sie sind also quasi die Visitenkarte der Praxis. Seien Sie empathisch, aber nicht anbiedernd.»
 

Früher wollte sie Rennfahrerin werden: Erika Kaufmann mit ihrem Pontiac «Firebird». Bild: Julian Zahnd
Früher wollte sie Rennfahrerin werden: Erika Kaufmann mit ihrem Pontiac «Firebird». Bild: Julian Zahnd


Eine Schwäche für starke Autos

Gefragt nach ihrer Zukunft, wägt Erika Kaufmann ab. Das werde sich nun alles einrenken. Sicher ist: Langsam wird Erika Kaufmann ihren neuen Lebensabschnitt nicht angehen. Beim Abschied vor der Haustür öffnet die Neurentnerin noch kurz die Garage, glänzendes Rot blitzt auf. «Ein Pontiac Firebird», erklärt sie, «wie in der legendären Fernsehserie Knight Rider, nur in anderer Farbe. Ich mag schnelle Autos.» Früher wollte sie eigentlich Sängerin oder Rennfahrerin werden. Es kam dann aber anders. Mit Blick auf ihre spätere Laufbahn und ihre prägende Rolle ist man geneigt zu sagen: zum Glück.


Autor: Julian Zahnd

Für Sie da.
be-med: Berner Berufsfachschule für medizinische Assistenzberufe AG
Zentralsekretariat

Alpeneggstrasse 1
3012 Bern

SQS