
Sag mir hallo, und ich sage dir, wie es um uns steht: Die Begrüssungsart sagt einiges über zwischenmenschliche Beziehungen aus. Während die Sie-Form grob gesagt als höflich, distanziert und professionell gilt, steht das Du eher für Nähe, Vertrauen und Lockerheit. Doch was tun, wenn eine Schule wie die be-med sowohl fürs Eine als auch fürs Andere stehen möchte? Sollen sich Lernende und Lehrpersonen im und um den Unterricht herum nun besser siezen oder duzen? Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Abteilungen und die Fachschaftsleitungen rund um Schulleiterin Rahel Räz haben diese Frage seit zwei Jahren und in den letzten Monaten intensiv diskutiert. «Punkto Grusskultur gehen die Meinungen ziemlich weit auseinander», sagt Rahel Räz. Nun habe man aber eine Formel gefunden, die einen guten Kompromiss darstelle.
Begrüssung auf Augenhöhe
Kurzer Rückblick: Bis vor zwei Jahren siezten sich an der be-med Lernende und Lehrpersonen, wobei Erstere mit Vor- und Letztere mit Nachnamen angesprochen wurden. Das gesamte Schulleitungsteam empfand das als stossend: «Uns war es immer wichtig, dass sich Lehrpersonen und Lernende auf Augenhöhe begegnen und sich daher auch gleich ansprechen.» In der Folge verabschiedete man sich von den Vornamen, seit 2023 werden somit auch Lernende mit dem Nachnamen angesprochen – nicht zur Freude aller.
Da es immer wieder Diskussionen gab, setzte sich Rahel Räz mit einer Arbeitsgruppe bestehend aus verschiedenen Lehrpersonen und den Fachschaftsleitungen zusammen. Gerne hätte man auch die Lernenden in diesen Prozess miteinbezogen, so Räz. «Der Lernendenrat, den wir neu einführen möchten, konnte aus zeitlichen Gründen leider noch nicht initiiert werden.» Deshalb startete die Schule kurz nach den Sommerferien eine Umfrage bei den Lernenden – die Resultate waren eindeutig.
Lernende bevorzugen Duzis
Rund 80 Prozent der Lernenden würden das Du während des Unterrichts unterstützen, die meisten von ihnen «voll und ganz» (siehe Grafik unten). Nennenswerte Unterschiede zwischen den Berufsrichtungen oder den Jahrgängen gab es laut Rahel Räz nicht. «Dieses Resultat hat uns eigentlich nicht überrascht», sagt die Schuldirektorin. Unter Lehrpersonen sei das Thema umstrittener. Manche sprächen sich für einen unkomplizierten Umgang mit den Lernenden aus und würden das Siezen als altbacken bezeichnen. Anderen wiederum sei die Höflichkeitsform sehr wichtig, damit der Anstand gewahrt werde. Zudem würden Lernende die Sie-Form aus dem Praxisalltag kennen: Patientinnen und Patienten duze man schliesslich auch nicht.

Anstand – mit oder ohne Höflichkeitsform
Alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, war demnach nicht leicht. Dennoch habe man sich nun einigen können, sagt Rahel Räz: «Offiziell bleibt bei uns das Siezen bestehen. Den einzelnen Lehrpersonen steht es aber frei, zum Du zu wechseln.» So handhaben das auch andere Berufsfachschulen im Kanton Bern. Die Erfahrungen sind dort laut einem Watson-Artikel aus dem Jahr 2023 vorwiegend positiv: So beeinträchtige das Duzis die Autorität der Lehrpersonen nicht, der Respekt bleibe gewahrt. Hingegen könne das Du helfen, Hürden abzubauen und den Zugang zu den Lernenden zu erleichtern.
Auch Rahel Räz ist der Überzeugung, dass Anstand auch ohne formelle Höflichkeitsformen möglich ist. Aus ihrer Sicht geht es vielmehr darum, wie man sich begegnet. Da die Schulkultur offiziell das «Sie» pflegt, wird sie vorerst beim Nachnamen bleiben. In Zukunft schliesst sie das «Du» jedoch nicht aus.
Autor: Julian Zahnd